Nicht die, an die Sie denken
Wer betroffen ist und wie viel diese Menschen verdienen.
Beim Wort Überschuldung denken viele an Menschen ohne Arbeit. Überschuldet ist, wer seine Zahlungspflichten über längere Zeit nicht aus Einkommen und Vermögen erfüllen kann. Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild. In Österreich waren 2023 zwei Drittel aller Menschen mit einem Exekutionsverfahren erwerbstätig, rund die Hälfte unselbständig beschäftigt. Unter den Menschen, die eine Schuldenberatung aufsuchen, hatten seit 2019 jedes Jahr zwischen 40 und 46 Prozent eine Arbeit.
In Deutschland steigt unter den Beratenen seit Jahren der Anteil abhängig Beschäftigter, also von Menschen in einem Arbeitsverhältnis: von 35,4 Prozent 2019 auf 37,5 Prozent 2025. Der Anteil der Arbeitslosen sank im selben Zeitraum von 43,6 auf 39,6 Prozent. In der Schweiz hatten 2022 bis 2024 jeweils 73 Prozent der Ratsuchenden ein Lohneinkommen. Erwerbstätige haben dort ungefähr so oft Zahlungsrückstände wie die Gesamtbevölkerung.
Was auch stimmt: Gemessen an ihrer Zahl sind Arbeitslose häufiger betroffen. In Österreich hatten 2023 10,2 Prozent der Arbeitslosen ein Exekutionsverfahren, bei den Erwerbstätigen waren es 3,3 Prozent. Weil es aber ein Vielfaches mehr Erwerbstätige als Arbeitslose gibt, stellen die Erwerbstätigen die große Mehrheit der Betroffenen.
Auch in der Mitte
In Deutschland liegen rund drei Viertel der Menschen in Haushalten mit Zahlungsrückständen über der Armutsschwelle. Sie gelten also nicht als armutsgefährdet. In der Schweiz lebten 2024 in der unteren Einkommensmitte 8,7 Prozent in Haushalten mit mindestens zwei Arten von Zahlungsrückständen, in der oberen 6,7 Prozent. Laut Bundesamt für Statistik ist dieser Unterschied nicht signifikant, also statistisch nicht gesichert. In Deutschland hatten abhängig Beschäftigte, die 2021 beraten wurden, im Schnitt 37.970 Euro Schulden. Das ist mehr als der Durchschnitt aller Beratenen (31.087 Euro).
Die Stellung im Beruf macht einen Unterschied: In Österreich hatten 2023 5,3 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter ein neu eingebrachtes Exekutionsverfahren, bei Angestellten waren es 1,8 Prozent. Mit höherem Einkommen sinkt der Anteil deutlich. Menschen mit niedriger formaler Bildung sind unter den Ratsuchenden häufiger vertreten als in der Bevölkerung. Dieses Kapitel sagt deshalb nicht, dass alle gleich betroffen sind. Es sagt, dass die Mitte nicht ausgenommen ist.
Quellen
- Österreich
- Exekutionsbericht (Tab. 42); Tabellenband zum Exekutionsbericht (Tab. 5.2, Stellung im Beruf und Einkommen); ASB, Schuldenreports 2020–2026 (Anteil Erwerbstätiger an den Erstberatenen), Schuldenreport 2026, S. 14 (Bildung).
- Deutschland
- Destatis, Überschuldungsstatistik 2019–2025 (2023 nicht öffentlich verfügbar; Schuldenhöhe 2021).
- Schweiz
- Schuldenberatung Schweiz, Jahresstatistiken 2022–2024; BFS SILC 2024; BFS-Medienmitteilung 08.05.2026.
- Über der Armutsschwelle
- Eigene Rechnung aus Eurostat EU-SILC (Zahlungsrückstände nach Armutsgefährdung), DE 2025: 74 %.
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